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Lyrik von Ulrike Hofman

zur Installation
inner boxes, 2010

Dreißig Briefkästen
Es sind Fossilien aus dem letzten Jahrhundert
abmontiert aus einem dunklen Berliner Flur
in Schöneberg Belziger Straße
noch vor dem Fall der Mauer
sie waren verbeult und aufgebrochen
wurden zurecht gebogen und repariert
wieder abgeschlossen
um das Briefgeheimnis zu wahren
Archivkasten – Briefkasten
Blumenkasten – Aschekasten
Werkzeugkasten – Malkasten
Brotkasten – Kräuterkasten
Sicherungskasten – Schraubenkasten
Schaltzentrale – Gaszähler
Handschuhkasten – Buntstiftkasten
Schmuckkästchen – Nähkästchen
Bettkasten – Sandkasten
Radkasten – Spülkasten
Bierkasten – Wasserkasten
Besteckkasten – Schlüsselkasten
Leuchtkasten – Verbandskasten
Schreibtisch-Container
Schubkasten-Schrank
Hängedatei
Aus dem Briefkasten
Seit zwei Tagen ungeöffnet
Liegt der Umschlag wie eine Briefbombe
Quillt von Tag zu Tag
Tickt im Herz und Ohr
Schließlich aufgeschlitzt
enttäuscht er durch Belanglosigkeit
Nüchterne Zahlen
statt leidenschaftlicher Worte
Anweisung zum Zahlen der Spesen
statt Verletzung der Gefühle
Ein triumphales Schreiben
an den Finanzbuchhalter
Ab in den Orkus !
Und meinen den Verfall.
Speichern ist die Lizenz zum Vergessen.
Ein Stromausfall und die Welt steht still.
Gigabytes ? Hast du sie gesehen ?
Nichts halten wir in den Händen
Virtuelle Ordner
vermehren sich
wie Krebszellen
Kilobytes Megabytes Gigabytes
unendliche Speicherkapazität
– wir sind verführt !
speichern alles:
Briefe Fotos Dokumente
Entwürfe und Ideen.
Notizen und ganze Bücher.
Sicher ist sicher.
Wir sind im Wahn.
Alles ist möglich!!!!
Aschekasten
Wohnung mit Ofenheizung
als Erstes der Geruch
im eiskalten Zimmer
die Decke an der Nasenspitze
kein einziger Grund aufzustehen
kalte Asche kalter Rauch
kein Geruch ist nackter
ohne Illusion
ein Krematorium am Morgen
Lyrik von Ulrike Hofman
HOROWITZ

HOROWITZ Wladimir

Die Heroica von Frederic Chopin

Die Polonaise As-Dur, op. 53: Maestoso

 

Haben Sie je ein Horowitz Klavierkonzert gehört?

 

Horowitz schlägt auf die Tasten,
Er stemmt sich gegen das Instrument
Mit dem Oberkörper und den Beinen
Packt das Instrument wie ein Möbelpacker
wuchtet es wie einen Schrank
und legt dann los
das Alter spielt keine Rolle mehr

 

Am Ende liegt das Klavier wie ein
erschlagener Drache auf der Bühne

 

Er spielt Die Heroische von Fréderic Chopin
führt uns im Motiv die Gesellschaft vor
die militärischen Herren und die lyrischen Damen.
Die Herren stehen zackig um den Damen zu imponieren.

 

Horowitz baut mit der Musik
die Säulen der Macht des Militärs
Es ist der Klang des Jahrhunderts.
Gar nicht gewaltsam genug kann der Anschlag sein,
das Holz würde bersten, wenn es könnte
doch die Tasten stecken fest im Gefüge
und der Anschlag ist eine Wucht.

 

Was treibt eine Gesellschaft zu solcher Heldenverehrung?
Den Tasten ist es egal, sie machen alles mit
Schwarz und weiß wie sie sind – alles andere als neutral
hämmern sie mit, dröhnen, streichen, perlen entlang
sie necken die Damen und treiben die Herren.

 

Die Polonaise jagt durch das Haus
Bis in die hintersten Zimmer
die Melodie wird ruhig – fast zart
begleitet ein Paar, das sich
herausgezogen hat aus dem Trubel

 

für ein paar Worte,die nur jetzt zu sagen sind.
Still und heimlich kehren die zwei zurück
in die Reihe
das Motiv wird wieder aufgenommen
noch stolzer als zuvor.

 

Nun schreiten sie wieder – wir sind hier !

 

Gerade hat eine neue Ära begonnen
Und die Tasten sind die Verkünder
schwarz und weiß
das Holz gibt sein Bestes und vergisst sofort

 

Der Pianist nie.

Tasten hasten

tasten hasten

tasten rasten

tasten lasten

tastenwelt

 

tasten ohne finger ohne hände – tastenlos

tasten ohne schweiss ohne wärme – tastengleich

tastenfreiheit – tastenglück?

 

tasten schweben

tasten fliegen

endlich ohne tastendruck

endlich ohne schraubenzwang

endlich befreit

von schrauben klemmen bolzen

endlich allein

keinen ärger mit den nachbarn

endlich allein

 

endlich allein

auf weiter flur

im weiten raum

mit eigener show

mit eigenem licht

tasten glänzen

tasten schön

 

im innern dröhnt der ton

rauscht die stille im quadrat

Der Ton macht die Musik
Ohne Ton kein Laut
Kein Miteinander
Ohne Ton fehlst du mir
Ohne Ton bin ich
Ein stummes Echo meiner selbst
Wie tonlos
wie seelenlos
alles um mich her
So mancher Ton von dir
wirkt nach
hängt in der Luft
steigt hoch und fliegt
wie ein Ballon
macht was er will
wird schwer und leicht
und schwebt doch nie davon
So mancher Ton von mir
wird bleiern schwer
Steht im Traum
im Raum wie ein Baum
mit Wurzeln und Ästen
und es ist an mir und an dir
ihn um zu haun
die Axt ist im Haus
doch keiner
ist der Zimmermann
Kupferdraht
kupferdraht
helga häkelt kupferdraht
helga knotet kupferdraht
helga knibbelt knupferdraht
helga dreht und formt und kappt und schneidet
kupferdraht
kupferdraht
helga häkelt hemd
helga knotet hose
helga knibbelt helm
helga häkelt rüstung für die seele
aus kupferdraht kupferdraht kupferdraht
kupferdraht
schmerzt am finger
brennt am finger
schneidet finger
kupferdraht
kupferdraht leuchtet
kupferdraht strahlt
kupferdraht glüht
kupferdraht im kabel
kupferdraht im telefon
kupferdraht in lampe
kommunikation-genie
kupferdraht
kupferdraht verbindet
kupferdraht trennt
kupferdraht tötet
kupferdraht falle
kupferdraht schlinge
waffe kupferdraht
helga hockt auf hocker
trennt sich von der welt
bindet sich an kupferdraht
verbindet sich mit welt
schafft welt aus kupferdraht
kupferdraht kupferdraht kupferdraht
Klavier hoch 4
klavier hoch vier
spiel ich mit dir
nur mit dir
am klavier
klavier hoch zwei
ein allerlei
an tasten holz
an elfenbein
in schwarz und weiß
in groß und klein
klavier hoch vier
spiel ich mit dir
komm zu mir
auf ein bier
vergiss die tasten
ohne hasten
komm zu mir
wir trinken bier
und ich spiel dir
klavier hoch vier
hast du töne
willst du töne
spieln wir töne
komm zu mir
klavier hoch vier

Sarah Frost

 

ER / FINDEN
Das Serendipity Prinzip bei Helga Wagner